Francisco Fernández Carvajal's Webseite


Mittwoch, den 20. August 2008 


Meditationen für jeden Tag
Drucken - Massenmesswerte

Jahreskreis
20. Woche - Dienstag

14

Die güter dieser erde

Götzen von heute.
Weder Verachten noch Vergötzen.
Nicht nur im groben Materialismus liegt die Gefahr.

I. Jesus und die Apostel sahen den jungen Mann weggehen, traurig und beschwert mit der Last seines Besitzes. Er hätte ein enger Freund des Herrn werden können, aber ihm war es so ergangen wie ungezählten Kindern dieser Welt, die dem Rufe Gottes nicht folgen, »weil sie ein verkehrtes Glück suchen, die Lust des Selbst-Bewahrens und Sich-Aneignens anstatt die Seligkeit des Sich-Verlierens und Sich-Verausgabens«1.

Wir wollen - wie gestern - auch heute in die Nuancen gehen und als Ergänzung des Matthäus-Berichtes im heutigen Evangelium2 auch den Bericht des Markus heranziehen. Wie bei der Begegnung mit dem jungen Mann erwähnt Markus auch hier den Blick des Herrn - zweimal sogar -, aber jetzt auf jene gerichtet, die ihm treu sind: Da sah Jesus seine Jünger an... Jesus sah sie an3. Lassen wir jetzt in unserem Gebet diesen Blick des Herrn auf uns ruhen.

Der Herr sagt zu den Jüngern: Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen. Er wiederholt es eindringlich: Nochmals sage ich euch: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Als die Jünger das hörten, erschraken sie sehr. »Warum denn? Sie sind doch nicht reich! (...) Warum fragen sie: >Wer kann dann gerettet werden?< Also rechnen sie sich auch zu den >Reichen<? Gewiß, und Jesus stimmt zu. Jenes Reichsein, worüber hier das Urteil gesprochen wird, bedeutet nicht das viele Geld gegenüber dem wenigen oder den großen Grundbesitz gegenüber dem kleinen Acker, sondern jeden Besitz. Die Tatsache des Besitzens überhaupt ist das Reichsein; und die Jünger erschrecken, weil sie mit im Spiel sind, wenn's auch nur ein Fischerboot und ein Häuschen ist, was sie haben. Das Haben überhaupt, selber und für sich - darauf kommt es hier an.4

Die Habsucht, die Paulus einen Götzendienst nennt5, ist »das deutlichste Zeichen moralischer Unterentwicklung«6. Sie verhärtet das Herz und kennt nur die eigenen Interessen. Das kann vom groben Verlangen nach Geld bis zum subtilen Streben nach Geltung und Ansehen gehen: »Vor dem Reichtum beugen alle die Knie; ihm huldigt die Menge, die ganze Masse der Menschen instinktiv. Sie bemessen das Glück nach dem Vermögen, und nach dem Vermögen bemessen sie auch das Ansehen. All das kommt aus der Überzeugung, daß man mit dem Reichtum alles könne. Reichtum ist eines der heutigen Idole, und die Bekanntheit ein anderes.«7 Solche Götzen verdecken die innere Bedürftigkeit des Menschen und machen ihn »leicht zum Sklaven des Besitzens und des unmittelbaren Genießens, ohne eine andere Perspektive als die Vermehrung oder den ständigen Austausch der Dinge, die man schon besitzt, gegen andere immer perfektere. Das ist die sogenannte Konsumgesellschaft oder der Konsumismus, der so viele Verschwendung und Abfälle mit sich bringt. (...) Wir alle greifen mit den Händen die traurigen Auswirkungen dieser blinden Unterwerfung unter den reinen Konsum: vor allem eine Form von krassem Materialismus und zugleich eine tiefgehende Unzufriedenheit, weil man sofort erkennt, daß man - wenn man nicht gegen die Flut der Reklame und das ständige verlockende Angebot von Produkten gefeit ist - um so mehr haben möchte, je mehr man besitzt, während die tieferen Wünsche unerfüllt bleiben oder vielleicht schon erstickt sind.«8 Es macht innerlich arm, wenn man das Ziel des Lebens im Reichwerden und in der Anhäufung von Gütern sieht. Die sklavische Liebe zum Irdisch-Materiellen legt Fesseln an für den Aufstieg zu Gott: Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon? Auch die Hinwendung zum Mitmenschen leidet darunter, weil man vergißt, daß »ein Mensch nicht durch das groß ist, was er hat, sondern durch das, was er ist - nicht durch das, was er besitzt, sondern durch das, was er mit anderen teilt«9. Nur die Loslösung vom Besitz und vom Gebrauch der Güter schenkt jene innere Reife, die fähig macht, sich in der Nachfolge Christi dem Übernatürlichen zu öffnen. Fragen wir uns also: Leben wir Zucht und Maß? Meiden wir falsche Bedürfnisse?

II. Eine moderne Form der Habgier ist die Verfälschung des Auftrags, sich die Erde zu unterwerfen11, im willkürlichen Umgang mit den Ressourcen der Natur. »Der Mensch, der seine Fähigkeit entdeckt, mit seiner Arbeit die Welt umzugestalten und in einem gewissen Sinne neu zu schaffen, vergißt, daß sich das immer nur auf der Grundlage der ersten Ur-schenkung der Dinge von seiten Gottes ereignet. Der Mensch meint, willkürlich über die Erde verfügen zu können, indem er sie ohne Vorbehalte seinem Willen unterwirft, als hätte sie nicht eine eigene Gestalt und eine ihr vorher von Gott verliehene Bestimmung, die der Mensch entfalten kann, aber nicht verraten darf. Statt seine Aufgabe als Mitarbeiter Gottes am Schöpfungswerk zu verwirklichen, setzt sich der Mensch an die Stelle Gottes und ruft dadurch schließlich die Auflehnung der Natur hervor, die von ihm mehr tyrannisiert als verwaltet wird.«12 Gerade heute tut es not zu bedenken, daß Gott uns als sein Abbild, ihm ähnlich13 erschaffen hat - ihm, der alles, was da ist, liebt14. Der uns anvertraute Auftrag verlangt, »= 12 Gerade heute tut es NOT zu bedenken, daß Gott uns als sein Abbild, ihm ähnlich13 erschaffen hat - ihm, der alles, was da ist, liebt14. Der uns anvertraute Auftrag verlangt, die Unversehrtheit der Schöpfung zu achten. Tiere, Pflanzen und leblose Wesen sind von Natur aus zum gemeinsamen Wohl der Menschheit von gestern, heute und morgen bestimmt. Die Bodenschätze, die Pflanzen und die Tiere der Welt dürfen nicht ohne Rücksicht auf sittliche Forderungen genutzt werden. Die Herrschaft über die belebte und die unbelebte Natur, die der Schöpfer dem Menschen übertragen hat, ist nicht absolut; sie wird gemessen an der Sorge um die Lebensqualität des Nächsten, wozu auch die künftigen Generationen zählen; sie verlangt Ehrfurcht vor der Unversehrtheit der Schöpfung.«15

Der ehrfürchtige Blick auf die Schöpfung als Gottes Gabe bewahrt davor, die Natur als bloße Verfügungsmasse zu sehen. »Es mehren sich heute nachdenkliche Stimmen, die in der sittlichen und religiösen Ungebundenheit der Menschen und in der sich immer säkularisierter gebärdenden Gesellschaft einen Weg ins Scheitern und zu wachsendem Chaos erblicken. Der Mensch ist eben von Natur aus nicht sich selbst Anfang und Ziel. Der Mensch ist nicht das Maß aller Dinge! Er muß einsehen, daß es über ihm etwas Unverfügbares gibt: Gott, seinen Schöpfer, seinen Vater und Richter. Nur wenn wir gemeinsam bereit sind, an ihm wieder neu Maß zu nehmen in all unseren Lebensbereichen, können wir Tiefstes und Höchstes wagen, können wir unsere vollen Möglichkeiten entfalten und einsetzen. Es wird dann immer zum Besten und zum Heil der Mitmenschen und dieser Erde gereichen und nicht zu ihrer Unterjochung oder gar Vernichtung«16

Eine Haltung der Ehrfurcht bewahrt uns vor der Gefahr, die Gaben der Erde und die großen menschlichen Errungenschaften - Kunst, Wissenschaften, Technik - zu vergötzen und zu verabsolutieren. Es ist aufschlußreich zu lesen, wie der heilige Augustinus rückblickend seinen früheren Drang nach umfassendem Wissen über die Gestirne relativiert: »Ob dir, Herr, Gott der Wahrheit, einer, der diese Dinge versteht, darum auch schon gefällt? Unselig fürwahr ist der Mensch, der all das weiß, aber dich nicht kennt; glückselig aber, wer dich kennt, wenn er auch von all dem nichts weiß. Wer aber dich kennt und zugleich all das weiß, ist glückseliger nicht wegen solchen Wissens, sondern allein deinetwegen, wenn er, dich erkennend, dich auch als den, der du bist, verherrlicht und dir Dank sagt und nicht eitel wird in seinen Gedanken.

Auch wenn er nicht einmal vom Sternbild des Wagens und seinem Umlauf weiß, ist er besser daran, als der Himmelsmesser, und der Sternenzähler und der Elementewäger, wenn dieser doch mit dir nicht rechnet, der du alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet hast (Weish 11,21).«17

Wissen, Macht, Besitz... Wer darauf seine Hoffnung setzt, ist wie ein kahler Strauch in der Steppe, der nie einen Regen kommen sieht; er bleibt auf dürrem Wüstenboden, im salzigen Land, wo niemand wohnt. Wer sich hingegen ganz in Gottes Hände begibt, ist wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und am Bach seine Wurzeln ausstreckt: Er hat nichts zu fürchten, wenn Hitze kommt; seine Blätter bleiben grün; auch in einem trockenen Jahr ist er ohne Sorge, unablässig bringt er seine Früchte.18

III. Wir wollen indessen unsere Aufmerksamkeit nicht nur auf die Gefahren im Umgang mit den irdischen Gütern lenken. Halten wir kurz - gleichsam als Atempause - beim Lob der Schöpfung inne: »Herr, wenn ich schöne lebendige Gestalten, liebliche Kreaturen anschaue, so sprechen sie zu meinem Herzen: Schau, wie lieblich der ist, aus dem wir geflossen sind, von dem alle Schönheit gekommen ist! Ich gehe durch Himmel und Erdreich, die Welt und den Abgrund, Wald und Heide, Berg und Tal: sie alle zusammen singen mir zu den herrlichen Gesang deines Lobes. Wenn ich dann sehe, wie unbegreiflich schön du alle Dinge ordnest, die schlechten und die guten, so werde ich wortlos, Herr, wenn ich aber daran denke, daß du der bist, den meine Seele auserwählt hat, so möchte mein Herz vor Loben zerspringen.«19

Wie sollen wir mit Geld, Besitz und Wohlstand umgehen? Paulus gibt den Christen in Korinth die Faustregel: Weil die Zeit kurz ist, soll, wer kauft, sich so verhalten, als würde er nicht Eigentümer, und wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht20. Gregor der Große erläutert die Weisung des Apostels: »Wer das Nötige zusammenträgt, um Nutzen daraus zu ziehen, dabei aber klug voraussieht, daß er seinen Besitz bald wieder aufgeben muß, besitzt so, als besäße er nicht. Wer das Lebensnotwendige sein eigen nennt und vermeidet, daß sein Besitz die Herrschaft über sein Herz gewinnt, so daß all dies der Reifung seiner Seele dient - die ja nach Höherem strebt - und dieser niemals schadet, bedient sich dieser Welt so, als ziehe er keinen Nutzen aus ihr«". Innere Freiheit ist die Art, in der wir die Güter der Welt adeln, nicht indem wir »den wirtschaftlichen Gütern nachjagen wie jemand, der auf Schatzsuche geht. Unser Schatz ist (... ) Christus, und auf ihn muß sich unsere ganze Liebe richten, denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.«21 Dann gesellt sich zum schlichten Blick für die Schönheit der Schöpfung das lautere Wollen: Gib mir weder Armut noch Reichtum, nähr mich mit dem Brot, das mir nötig ist.22 Es ist die Art des Vaterunsers: Unser tägliches Brot gib uns heute... Wir bitten um Brot - um das Wesentliche. Wir überlassen es Gott, was er uns geben und was er uns vorenthalten will. Wir bitten für uns, für alle. Und wir bitten für das heute, anders als der begüterte, erfolgreiche Landmann im Gleichnis, der nicht bittet, sondern nur überlegt und plant - für morgen und übermorgen, die vielleicht nicht mehr kommen.

Realistisch betrachtet, liegt für die meisten von uns die eigentliche Gefahr nicht in einer grob materialistischen Gesinnung, sondern im fein gesponnenen Netz einer Alltagswelt, die uns gefangennehmen kann. Dazu Johannes vom Kreuz: »Mir scheint es keinen Unterschied zu machen, ob ein Vogel mit einer dünnen statt mit einer dicken Schnur festgebunden ist, denn er wird mit der dünnen ebenso festsitzen wie mit der dicken, solange es ihm nicht gelingt, sie zu zerreißen und davonzufliegen. Gewiß ist die dünne Schnur leichter zu zerreißen; so leicht es aber auch sein mag, wenn es ihm nicht gelingt, die Fesseln zu sprengen, wird er nicht aufsteigen können.«24 Welche dünnen Fäden halten uns gefesselt? Die Abhängigkeit von bestimmten Konsumgütern? Die narzistische Sorge darum, was andere über uns denken? Die Sucht nach beruflichem Erfolg? Oder ein geradezu panisches Bedachtsein auf die Gesundheit?

Wie kann man sich von solchen Anhänglichkeiten befreien? Wenn das Herz für die anderen offen bleibt, die unsere Brüder und Schwestern in Christus, die Kinder Gottes sind. Dann werden wir über das nur Geschuldete hinaus freigebig und bereit, den eigenen Besitz zu teilen.»Darum soll der Mensch, der sich dieser Güter bedient, die äußeren Dinge, die er rechtmäßig besitzt, nicht nur als ihm persönlich zu eigen, sondern muß er sie zugleich auch als Gemeingut ansehen in dem Sinn, daß sie nicht ihm allein, sondern auch anderen von Nutzen sein können.«25

Eine russische Legende erzählt von einem reichen Mann, in dessen Leben sich alles nur ums Geld gedreht hatte und der sich selbst in den Sarg noch einen Beutel voll Gold legen ließ. Als er nun im Jenseits hungrig wurde und sich etwas kaufen wollte, zog er Kopeken aus seiner vollen Tasche. Aber man sagte ihm: »Wir nehmen hier nicht Kopeken an, die du besitzt, sondern nur die, welche du verschenkt hast. Hast du jemals etwas gegeben?« Mit den Worten eines Kirchenvaters: »O Mensch, gib den Armen und damit dir selbst; denn was du nicht dem anderen überläßt, das besitzest du nicht!«26

1 P. Berglar, Petrus - Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S.77. - 2 Mt 19,23-30. - 3 Mk 10,23.27. - 4 R. Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S.334. - 5 vgl. Kol 3,5. - 6 Paul VI., Enz. Populorum progressio, 19. - 7 J.H. Newman, Über die Heiligkeit. - 8 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 28. - 9 Mt 6,24. - 10 Johannes Paul II., Ansprache in Manila, 18.2.1981. - 11 vgl. Gen 1,28. - 12 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 37. - 13 vgl. Gen 1,26. - 14 Weish 11,24. - 15 Katechismus der Katholischen Kirche, 2415. - 16 Johannes Paul II., Ansprache in Speyer, 4.5.1987. - 17 Augustinus, Bekenntnisse, V,4. - 18 Jer 17,5-8. - 19 Heinrich Seuse, Das Büchlein der Ewigen Weisheit. - 20 vgl. 1 Kor 7,30. - 21 Gregor der Große, Homilien über die Evangelien, 36. - 22 J. Escrivá, Christus begegnen, 35. - 23 Spr 30,7-9. - 24 Johannes vom Kreuz, Lebendige Liebesflamme, 11,4.. - 25 II. Vat. Konz., Konst. Gaudium et spes, 69. - 26 Petrus Chrysologus, Predigt über Gebet, Fasten und Almosen, 42.



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