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Jahreskreis
20. Woche - Dienstag
14
Die güter
dieser erde
Götzen
von heute.
Weder Verachten noch Vergötzen.
Nicht nur im groben Materialismus liegt die Gefahr.
I. Jesus
und die Apostel sahen den jungen Mann weggehen, traurig und beschwert mit der
Last seines Besitzes. Er hätte ein enger Freund des Herrn werden können, aber
ihm war es so ergangen wie ungezählten Kindern dieser Welt, die dem Rufe Gottes
nicht folgen, »weil sie ein verkehrtes Glück suchen, die Lust des Selbst-Bewahrens
und Sich-Aneignens anstatt die Seligkeit des Sich-Verlierens und Sich-Verausgabens«1.
Wir
wollen - wie gestern - auch heute in die Nuancen gehen und als Ergänzung des
Matthäus-Berichtes im heutigen Evangelium2
auch den Bericht des Markus heranziehen. Wie bei der Begegnung mit dem jungen
Mann erwähnt Markus auch hier den Blick des Herrn - zweimal sogar -, aber jetzt
auf jene gerichtet, die ihm treu sind:
Da sah Jesus seine Jünger an... Jesus
sah sie an3.
Lassen wir jetzt in unserem Gebet diesen Blick des Herrn auf uns ruhen.
Der Herr
sagt zu den Jüngern:
Ein Reicher wird schwer ins
Himmelreich kommen. Er wiederholt es eindringlich:
Nochmals sage
ich euch: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher in das
Reich Gottes gelangt. Als die Jünger das hörten, erschraken sie sehr.
»Warum denn? Sie sind doch nicht reich! (...) Warum fragen sie: >Wer kann dann
gerettet werden?< Also rechnen sie sich auch zu den >Reichen<? Gewiß, und Jesus
stimmt zu. Jenes Reichsein, worüber hier das Urteil gesprochen wird, bedeutet
nicht das viele Geld gegenüber dem wenigen oder den großen Grundbesitz gegenüber
dem kleinen Acker, sondern jeden Besitz. Die Tatsache des Besitzens überhaupt
ist das Reichsein; und die Jünger erschrecken, weil sie mit im Spiel sind,
wenn's auch nur ein Fischerboot und ein Häuschen ist, was sie haben. Das Haben
überhaupt, selber und für sich - darauf kommt es hier an.4
Die
Habsucht,
die Paulus einen
Götzendienst nennt5,
ist »das deutlichste Zeichen moralischer Unterentwicklung«6. Sie verhärtet das
Herz und kennt nur die eigenen Interessen. Das kann vom groben Verlangen nach
Geld bis zum subtilen Streben nach Geltung und Ansehen gehen: »Vor dem Reichtum
beugen alle die Knie; ihm huldigt die Menge, die ganze Masse der Menschen
instinktiv. Sie bemessen das Glück nach dem Vermögen, und nach dem Vermögen
bemessen sie auch das Ansehen. All das kommt aus der Überzeugung, daß man mit
dem Reichtum alles könne. Reichtum ist eines der heutigen Idole, und die
Bekanntheit ein anderes.«7 Solche Götzen verdecken die innere Bedürftigkeit des
Menschen und machen ihn »leicht zum Sklaven des
Besitzens und des
unmittelbaren Genießens, ohne eine andere Perspektive als die Vermehrung oder
den ständigen Austausch der Dinge, die man schon besitzt, gegen andere immer
perfektere. Das ist die sogenannte Konsumgesellschaft oder der Konsumismus, der
so viele
Verschwendung und
Abfälle mit sich
bringt. (...) Wir alle greifen mit den Händen die traurigen Auswirkungen dieser
blinden Unterwerfung unter den reinen Konsum: vor allem eine Form von krassem
Materialismus und zugleich eine tiefgehende Unzufriedenheit, weil man sofort
erkennt, daß man - wenn man nicht gegen die Flut der Reklame und das ständige
verlockende Angebot von Produkten gefeit ist - um so mehr haben möchte, je mehr
man besitzt, während die tieferen Wünsche unerfüllt bleiben oder vielleicht
schon erstickt sind.«8 Es macht innerlich arm, wenn man das Ziel des Lebens im
Reichwerden und in der Anhäufung von Gütern sieht. Die sklavische Liebe zum
Irdisch-Materiellen legt Fesseln an für den Aufstieg zu Gott: Ihr könnt nicht
beiden dienen, Gott und dem Mammon? Auch die Hinwendung zum Mitmenschen leidet
darunter, weil man vergißt, daß »ein Mensch nicht durch das groß ist, was er
hat, sondern durch das, was er ist - nicht durch das, was er besitzt, sondern
durch das, was er mit anderen teilt«9. Nur die Loslösung vom Besitz und vom
Gebrauch der Güter schenkt jene innere Reife, die fähig macht, sich in der
Nachfolge Christi dem Übernatürlichen zu öffnen. Fragen wir uns also: Leben wir
Zucht und Maß? Meiden wir falsche Bedürfnisse?
II. Eine
moderne Form der Habgier ist die Verfälschung des Auftrags, sich die Erde zu
unterwerfen11,
im willkürlichen Umgang mit den Ressourcen der Natur. »Der Mensch, der seine
Fähigkeit entdeckt, mit seiner Arbeit die Welt umzugestalten und in einem
gewissen Sinne neu zu schaffen, vergißt, daß sich das immer nur auf der
Grundlage der ersten Ur-schenkung der Dinge von seiten Gottes ereignet. Der
Mensch meint, willkürlich über die Erde verfügen zu können, indem er sie ohne
Vorbehalte seinem Willen unterwirft, als hätte sie nicht eine eigene Gestalt und
eine ihr vorher von Gott verliehene Bestimmung, die der Mensch entfalten kann,
aber nicht verraten darf. Statt seine Aufgabe als Mitarbeiter Gottes am
Schöpfungswerk zu verwirklichen, setzt sich der Mensch an die Stelle Gottes und
ruft dadurch schließlich die Auflehnung der Natur hervor, die von ihm mehr
tyrannisiert als verwaltet wird.«12 Gerade heute tut es not zu bedenken, daß
Gott uns als sein Abbild, ihm ähnlich13 erschaffen hat - ihm, der alles, was da
ist, liebt14. Der uns anvertraute Auftrag verlangt, »= 12 Gerade heute tut es
NOT zu bedenken, daß Gott uns als sein Abbild, ihm ähnlich13 erschaffen hat -
ihm, der alles, was da ist, liebt14. Der uns anvertraute Auftrag verlangt, die
Unversehrtheit der Schöpfung zu achten. Tiere, Pflanzen und leblose Wesen sind
von Natur aus zum gemeinsamen Wohl der Menschheit von gestern, heute und morgen
bestimmt. Die Bodenschätze, die Pflanzen und die Tiere der Welt dürfen nicht
ohne Rücksicht auf sittliche Forderungen genutzt werden. Die Herrschaft über die
belebte und die unbelebte Natur, die der Schöpfer dem Menschen übertragen hat,
ist nicht absolut; sie wird gemessen an der Sorge um die Lebensqualität des
Nächsten, wozu auch die künftigen Generationen zählen; sie verlangt Ehrfurcht
vor der Unversehrtheit der Schöpfung.«15
Der
ehrfürchtige Blick auf die Schöpfung als Gottes Gabe bewahrt davor, die Natur
als bloße
Verfügungsmasse zu sehen. »Es mehren sich heute nachdenkliche
Stimmen, die in der sittlichen und religiösen Ungebundenheit der Menschen und in
der sich immer säkularisierter gebärdenden Gesellschaft einen Weg ins Scheitern
und zu wachsendem Chaos erblicken. Der Mensch ist eben von Natur aus nicht sich
selbst Anfang und Ziel. Der Mensch ist nicht das Maß aller Dinge! Er muß
einsehen, daß es über ihm etwas Unverfügbares gibt: Gott, seinen Schöpfer,
seinen Vater und Richter. Nur wenn wir gemeinsam bereit sind, an ihm wieder neu
Maß zu nehmen in all unseren Lebensbereichen, können wir Tiefstes und Höchstes
wagen, können wir unsere vollen Möglichkeiten entfalten und einsetzen. Es wird
dann immer zum Besten und zum Heil der Mitmenschen und dieser Erde gereichen und
nicht zu ihrer Unterjochung oder gar Vernichtung«16
Eine Haltung der Ehrfurcht bewahrt uns
vor der Gefahr, die Gaben der Erde und die großen menschlichen Errungenschaften
- Kunst, Wissenschaften, Technik - zu vergötzen und zu verabsolutieren. Es ist
aufschlußreich zu lesen, wie der heilige Augustinus rückblickend seinen früheren
Drang nach umfassendem Wissen über die Gestirne relativiert: »Ob dir, Herr, Gott
der Wahrheit, einer, der diese Dinge versteht, darum auch schon gefällt? Unselig
fürwahr ist der Mensch, der all das weiß, aber dich nicht kennt; glückselig
aber, wer dich kennt, wenn er auch von all dem nichts weiß. Wer aber dich kennt
und zugleich all das weiß, ist glückseliger nicht wegen solchen Wissens, sondern
allein deinetwegen, wenn er, dich erkennend, dich auch als den, der du bist,
verherrlicht und dir Dank sagt und nicht eitel wird in seinen Gedanken.
Auch wenn
er nicht einmal vom Sternbild des Wagens und seinem Umlauf weiß, ist er besser
daran, als der Himmelsmesser, und der Sternenzähler und der Elementewäger, wenn
dieser doch mit dir nicht rechnet, der du alles nach Maß, Zahl und Gewicht
geordnet hast (Weish
11,21).«17
Wissen,
Macht, Besitz... Wer darauf seine Hoffnung setzt, ist
wie ein kahler Strauch in der Steppe,
der nie einen Regen kommen sieht; er bleibt auf dürrem Wüstenboden, im salzigen
Land, wo niemand wohnt. Wer sich hingegen ganz in Gottes Hände
begibt, ist wie
ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und am Bach seine Wurzeln ausstreckt: Er
hat nichts zu fürchten, wenn Hitze kommt; seine Blätter bleiben grün; auch in
einem trockenen Jahr ist er ohne Sorge, unablässig bringt er seine Früchte.18
III. Wir
wollen indessen unsere Aufmerksamkeit nicht nur auf die Gefahren im Umgang mit
den irdischen Gütern lenken. Halten wir kurz - gleichsam als Atempause - beim
Lob der Schöpfung inne: »Herr, wenn ich schöne lebendige Gestalten, liebliche
Kreaturen anschaue, so sprechen sie zu meinem Herzen: Schau, wie lieblich der
ist, aus dem wir geflossen sind, von dem alle Schönheit gekommen ist! Ich gehe
durch Himmel und Erdreich, die Welt und den Abgrund, Wald und Heide, Berg und
Tal: sie alle zusammen singen mir zu den herrlichen Gesang deines Lobes. Wenn
ich dann sehe, wie unbegreiflich schön du alle Dinge ordnest, die schlechten und
die guten, so werde ich wortlos, Herr, wenn ich aber daran denke, daß du der
bist, den meine Seele auserwählt hat, so möchte mein Herz vor Loben
zerspringen.«19
Wie
sollen wir mit Geld, Besitz und Wohlstand umgehen? Paulus gibt den Christen in
Korinth die Faustregel: Weil
die Zeit kurz ist, soll,
wer kauft,
sich so verhalten,
als würde er nicht Eigentümer,
und wer sich die
Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht20.
Gregor der Große erläutert die Weisung des Apostels: »Wer das Nötige
zusammenträgt, um Nutzen daraus zu ziehen, dabei aber klug voraussieht, daß er
seinen Besitz bald wieder aufgeben muß, besitzt so, als besäße er nicht. Wer das
Lebensnotwendige sein eigen nennt und vermeidet, daß sein Besitz die Herrschaft
über sein Herz gewinnt, so daß all dies der Reifung seiner Seele dient - die ja
nach Höherem strebt - und dieser niemals schadet, bedient sich dieser Welt so,
als ziehe er keinen Nutzen aus ihr«". Innere Freiheit ist die Art, in der wir
die Güter der Welt adeln, nicht indem wir »den wirtschaftlichen Gütern nachjagen
wie jemand, der auf Schatzsuche geht. Unser Schatz ist (... ) Christus, und auf
ihn muß sich unsere ganze Liebe richten,
denn wo dein Schatz ist, da ist auch
dein Herz.«21 Dann gesellt sich zum schlichten Blick für die
Schönheit der Schöpfung das lautere Wollen: Gib mir weder Armut noch Reichtum,
nähr mich mit dem Brot, das mir nötig ist.22 Es ist die Art des Vaterunsers:
Unser tägliches Brot gib uns heute... Wir bitten um
Brot
- um das Wesentliche. Wir überlassen es Gott, was er uns geben und was er uns
vorenthalten will. Wir bitten für
uns, für alle. Und wir
bitten für das
heute, anders als der begüterte, erfolgreiche Landmann im
Gleichnis, der nicht bittet, sondern nur überlegt und plant - für morgen und
übermorgen, die vielleicht nicht mehr kommen.
Realistisch betrachtet, liegt für die meisten von uns die eigentliche Gefahr
nicht in einer grob materialistischen Gesinnung, sondern im fein gesponnenen
Netz einer Alltagswelt, die uns gefangennehmen kann. Dazu Johannes vom Kreuz:
»Mir scheint es keinen Unterschied zu machen, ob ein Vogel mit einer dünnen
statt mit einer dicken Schnur festgebunden ist, denn er wird mit der dünnen
ebenso festsitzen wie mit der dicken, solange es ihm nicht gelingt, sie zu
zerreißen und davonzufliegen. Gewiß ist die dünne Schnur leichter zu zerreißen;
so leicht es aber auch sein mag, wenn es ihm nicht gelingt, die Fesseln zu
sprengen, wird er nicht aufsteigen können.«24 Welche dünnen Fäden halten uns
gefesselt? Die Abhängigkeit von bestimmten Konsumgütern? Die narzistische Sorge
darum, was andere über uns denken? Die Sucht nach beruflichem Erfolg? Oder ein
geradezu panisches Bedachtsein auf die Gesundheit?
Wie kann
man sich von solchen Anhänglichkeiten befreien? Wenn das Herz für die anderen
offen bleibt, die unsere Brüder und Schwestern in Christus, die Kinder Gottes
sind. Dann werden wir über das nur Geschuldete hinaus freigebig und bereit, den
eigenen Besitz zu teilen.»Darum soll der Mensch, der sich dieser Güter bedient,
die äußeren Dinge, die er rechtmäßig besitzt, nicht nur als ihm persönlich zu
eigen, sondern muß er sie zugleich auch als Gemeingut ansehen in dem Sinn, daß
sie nicht ihm allein, sondern auch anderen von Nutzen sein können.«25
Eine
russische Legende erzählt von einem reichen Mann, in dessen Leben sich alles nur
ums Geld gedreht hatte und der sich selbst in den Sarg noch einen Beutel voll
Gold legen ließ. Als er nun im Jenseits hungrig wurde und sich etwas kaufen
wollte, zog er Kopeken aus seiner vollen Tasche. Aber man sagte ihm: »Wir nehmen
hier nicht Kopeken an, die du besitzt, sondern nur die, welche du verschenkt
hast. Hast du jemals etwas gegeben?« Mit den Worten eines Kirchenvaters: »O
Mensch, gib den Armen und damit dir selbst; denn was du nicht dem anderen
überläßt, das besitzest du nicht!«26
1 P.
Berglar,
Petrus -
Vom Fischer zum Stellvertreter,
München 1991, S.77. -
2
Mt
19,23-30. -
3
Mk
10,23.27. -
4
R. Guardini,
Der Herr,
Würzburg 1951, S.334. -
5
vgl.
Kol
3,5. -
6
Paul VI., Enz.
Populorum
progressio,
19. -
7
J.H. Newman,
Über die
Heiligkeit.
-
8
Johannes Paul II., Enz.
Sollicitudo rei socialis,
28. -
9
Mt
6,24. -
10
Johannes Paul II.,
Ansprache
in Manila,
18.2.1981. -
11
vgl.
Gen
1,28. -
12
Johannes Paul II., Enz.
Centesimus annus,
37. -
13
vgl.
Gen
1,26. -
14
Weish
11,24. -
15
Katechismus der Katholischen Kirche,
2415. -
16
Johannes Paul II.,
Ansprache
in Speyer,
4.5.1987. -
17
Augustinus,
Bekenntnisse,
V,4. -
18
Jer
17,5-8. -
19
Heinrich Seuse,
Das
Büchlein der Ewigen Weisheit.
-
20
vgl.
1 Kor
7,30. -
21
Gregor der Große,
Homilien
über die Evangelien,
36. -
22
J. Escrivá,
Christus
begegnen,
35. -
23
Spr
30,7-9. -
24
Johannes vom Kreuz,
Lebendige
Liebesflamme,
11,4.. -
25
II. Vat. Konz., Konst.
Gaudium
et spes,
69. -
26
Petrus Chrysologus,
Predigt
über Gebet, Fasten und Almosen,
42.
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