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JAHRESKREIS
13. WOCHE - SAMSTAG
9
NEUER
WEIN
Göttliche
Pädagogik.
Das Wirken des Heiligen Geistes.
Das Sakrament der Buße.
I. »Gott,
>der in unzugänglichem Licht wohnt< (1 Tim 6,16), will den Menschen, die er in
Freiheit erschaffen hat, sein eigenes göttliches Leben mitteilen, um sie in
seinem einzigen Sohn als Söhne anzunehmen.«1 In einer Art »göttlicher Pädagogik«
bereitet er sie darauf vor, das Neue aufzunehmen, das in der Person und Sendung
Jesu Christi gipfelt. Der Kirchenvater Irenäus von Lyon wagt das Bild: »Das Wort
Gottes wohnte im Menschen und wurde zum Menschensohn, damit der Mensch sich
gewöhne, Gott aufzunehmen, und Gott sich gewöhne, im Menschen zu wohnen nach dem
Wohlgefallen des Vaters.«2
Christus,
»das vollkommene, unübertreffbare, eingeborene Wort des Vaters«3 offenbart
Schritt um Schritt das innerste Geheimnis des göttlichen Lebens, das Geheimnis
seiner Person und das Geheimnis der zur Gemeinschaft mit Gott berulenen
Menschen. Seine Zuhörer ahnen: Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre
verkündet4.
Das
heutige Evangelium5 zeigt beispielhaft diese Erziehungsweisheit unseres Herrn.
Besonders die Frauen werden mit einem Kopfnicken seinen Worten beigepflichtet
haben: Niemand setzt ein Stück neuen Stoff auf ein altes Kleid; denn der Stoff
reißt doch wieder ab, und es entsteht ein noch größerer Riß. Und ebenso werden
sich die an die Feldarbeit gewohnten Männer angesprochen gefühlt haben, als
Jesus das Beispiel vom neuen Wein anführte, den man nicht in alte Schläuche
füllt: Sonst reißen die Schläuche, der Wein läuft aus, und die Schläuche sind
unbrauchbar. Mit schlichten, der Alltagserfahrung entnommenen Bildern setzt der
Herr an, um die unaussprechliche Wahrheit über das Gottesreich zu verkünden.
Auch wir ahnen, worauf Jesus mit diesen Beispielen hinaus will. Seine Botschaft
ist neu wie der neue Wein nach der Lese: und neuen Wein füllt man in neue
Schläuche, dann bleibt beides erhalten.
Schritt
für Schritt entschleiert Jesus das Geheimnis seines Ursprungs, bis er dann beim
Letzten Abendmahl den Seinen eröffnet, daß dieser Ursprung auch ihr Ziel ist:
die Gemeinschaft mit dem Vater und mit dem Heiligen Geist. Die Anbetung Gottes
im Geist und in der Wahrheit6 erfordert eine Bereitung des Inneren, die weit
über die nach außen gerichtete Frömmigkeit hinausgeht. Das Neue, das von Gott
kommt, verlangt innere Erneuerung: das neue Herz und den neuen Geist, die nach
der göttlichen Ankündigung durch Ezechiel wahr werden sollen: Ich schenke euch
ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.7
Dies
schließt Kompromisse mit dem Alten aus, sprengt jede Form des Konformismus und
der Vergreisung. Die alt gewordenen Behältnisse bersten. Christus bringt nicht
lediglich eine neue Gesetzesauslegung neben den Deutungen anderer rabbinischer
Schulen, sondern ein ganz neues Leben in seiner Nachfolge.
II.
Eigentlich geht es im heutigen Evangelium nicht um eine Auseinandersetzung mit
Gegnern, diesmal sind die Fragenden Menschen, die nicht verstehen. Sie gehören
zum Kreis des Täufers und sehen das Fasten als Buße für vergangene Sünden und
als Läuterung für künftige Gaben Gottes an. Jesus bestreitet ihre Einstellung
nicht; er verweist aber darauf, daß mit seinem Kommen die Menschen schon mitten
in der Heilszeit leben. Das den Juden wohlbekannte Bild einer Hochzeit als
Ausdruck endzeitlicher Gemeinschaft mit Gott soll dies erläutern: Können denn
die Hochzeitsgäste trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Wenn er über
eine Hochzeit gesprochen hat, um die neue, mit seinem Kommen gegebene Situation
zu charakterisieren, warum nicht dies weiter ausbauen und - um seine Gaben zu
bezeichnen - zwei Dinge nennen, die zum Fest gehören: Wein und Festkleidung?
Was ist
der neue Wein? Das neue Leben, das seit Pfingsten die Kirche beseelt und durch
Taufe und Firmung ihre Glieder erreicht. »Durch das Geschenk der Gnade, die vom
Geist kommt, tritt der Mensch in >ein neues Leben< ein, wird er in die
übernatürliche Wirklichkeit des göttlichen Lebens selbst eingeführt und wird zur
>Wohnung des Heiligen Geistes<, zum >lebendigen Tempel Gottes<. Denn durch den
Heiligen Geist kommen der Vater und der Sohn zu ihm und nehmen Wohnung bei ihm.
In der gnadenhaften Gemeinschaft mit der Dreifaltigkeit erweitert sich der
>Lebensraum< des Menschen, indem er auf die übernatürliche Ebene des göttlichen
Lebens erhöht wird.«8
Die
Kirche verkündet von Anfang an ihren Glauben an den Heiligen Geist als den, der
lebendig macht. Er gießt den Menschen seine heiligmachende Gnade ein. In ihm
teilt sich der unerforschliche dreieinige Gott den Menschen mit. Dieses Geschenk
altert niemals, aber unser Geist, der es empfängt - die Schläuche also, um im
Bild des Evangeliums zu bleiben - sind der Alterung ausgesetzt. So paradox es
klingen mag: obwohl der Mensch unaufhaltsam altert, bleibt er fähig - wie in
einer Gegenbewegung -, sich in seinem Inneren ständig zu verjüngen. Und wie
sollen wir die Seele jung erhalten? Mit einem feinen Gespür für die Liebe
Gottes. Auch kleine Sünden und Nachlässigkeiten können sie trüben. Sie trennen
nicht von Gott, aber schaffen eine gewisse Distanz, sie sind wie der Anfang
einer Entfremdung.
Die Reue
macht uns für neue Gnaden bereit, sie läßt uns in Hoffnung auf Gott schauen.
Dadurch wachsen Dankbarkeit und Liebe. Die Hinwendung zu Christus wird
herzlicher. Aber dieses Bereuen soll mehr sein als ein bloßes Bedauern, etwas
getan oder unterlassen zu haben. Reue ist ein Schmerz des Herzens, und sie
schließt die entschiedene Verurteilung des Gewesenen ein.
Der Herr
lehrt uns, die Wahrheit unseres Lebens zu erkennen, und er erfüllt uns trotz
unserer Elendigkeit und Fehler mit Frieden und mit dem Wunsch nach Besserung,
dem Wunsch, von neuem anzufangen. Die demütige Seele spürt die Notwendigkeit,
Gott oftmals am Tag um Verzeihung zu bitten. Jedes Mal, wenn sie sich vom Herrn
entfernt hat, erkennt sie die Notwendigkeit, wie der verlorene Sohn aus wahrem
Liebesschmerz umzukehren: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich
versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem
deiner Tagelöhner.9 Diese Reue bereitet die Seele, den neuen Wein der Gnade
immer wieder aufzunehmen.
III. Die
Taufe ist das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Heiligen Geist10, das
uns das neue Leben in Christus schenkt. Aber dieses Leben ist noch kein
unverlierbarer Besitz; die traurige Erfahrung unserer Niederlagen bestätigt, daß
wir den Geist beleidigen11 oder gar auslöschen12 können. Der asketische Kampf
»verhütet Schaden, wenn den neugeschaffenen Schläuchen neuer Wein anvertraut
wird. Darum müssen wir diese Schläuche immer vollgefüllt erhalten; denn leere
verzehrt rasch Motte und Rost, volle wahrt die Gnade.«13 Im Anschluß an diese
Worte bittet der heilige Ambrosius darum: »Entferne, Herr Jesus, mit deinem
scharfen Messer die Fäulnis meiner Sünden! Schneide, da du mich in Fesseln der
Liebe gebunden hast, alles Böse aus!«14 Der Kirchenvater nennt Jesus »den Arzt,
der im Himmel wohnt und überall auf Erden seine Heilmittel darbietet. Er allein,
dem eigene Wunden fremd sind, kann die meinigen heilen; er, der das Verborgene
kennt, des Herzens Qual, die Auszehrung der Seele beseitigen.«15 Eines der
wichtigsten Heilmittel, das unser Arzt Jesus für uns bereitet hat, ist das
Sakrament der Buße, »eine neue Möglichkeit, sich zu bekehren und die Gnade der
Rechtfertigung wiederzuerlangen«16. Der Herr hat es »für alle sündigen Glieder
seiner Kirche eingesetzt, vor allem für jene, die nach der Taufe in schwere
Sünde gefallen sind und so die Taufgnade verloren und die kirchliche
Gemeinschaft verletzt haben«17.
Dieses
Sakrament kräftigt und verjüngt die Seele. Sein Empfang erfordert den
aufrichtigen, demütigen und zerknirschten Willen zur Versöhnung. Dazu gehört
natürlich eine gute Gewissenserforschung - was nicht immer eine lange Prüfung
bedeutet, vor allem dann nicht, wenn man regelmäßig beichtet und sich daran
gewöhnt hat, jeden Abend Gewissenserforschung zu halten. Oft wird es gut sein,
das Gewissen vor Christus im Tabernakel zu erforschen. Da erkennen wir leichter
und besser, ob wir den Anregungen des Herrn gefolgt sind oder ob wir uns ihnen
widersetzt haben. Um die Reue zu konkretisieren, kann es manchmal nützen, nach
dem Bekenntnis der kleinen Sünden und Fehler auch die Reue für die früheren,
schon vergebenen Sünden zu erneuern.
Wer
häufig beichtet, soll darauf achten, daß er den wirklichen Zustand seiner Seele
aufdeckt und in einem wirklich persönlichen Akt seine Verfehlungen bekennt, was
bedeutet, sich nicht auf Allgemeinplätze zu beschränken, in der Art etwa: »ich
war nicht demütig« oder »ich habe gegen die Nächstenliebe verstoßen« denn solche
allgemeinen Anklagen lassen uns gleichsam in der Masse der Sünder verschwinden.
Das
Sakrament der Versöhnung ist nicht nur Nachlaß der Sünden, sondern auch Heilung
unserer Wunden und Festigung der guten Anlagen in uns, die vielleicht unter der
Last der Gewöhnung gelitten haben. »Gott sei Dank! sagtest du, nachdem du
gebeichtet hattest. Und du dachtest: Es ist, als ob man neu geboren wäre.
Dann
fuhrst du fort mit Ruhe und Gelassenheit: >Domine, quid me vis facere?< - Herr,
was willst du, daß ich tue?
Selbst
gabst du dir die Antwort: mit deiner Gnade werde ich, allem und allen zum Trotz,
deinen heiligsten Willen erfüllen: >Serviam!< - ich will dir rückhaltlos
dienen.«18
1
Katechismus der Katholischen Kirche, 52. - 2 Irenäus von Lyon, Gegen die
Häresien, 3,20,2. - 3 Katechismus der Katholischen Kirche, 65. - 4 Mk 1,27. - 5
Mt 9,16-17. - 6 Joh 4,23. - 7 Ez 36,26. - 8 Johannes Paul II., Enz. Dominum et
vivificantem, 58. - 9 Lk 15,18-19. - 10 Tit 3,5. - 11 vgl. Eph 4,30. - 12 vgl. 1
Thes 5,19. - 13 Ambrosius, Auslegung des Evangeliums nach Lukas, 5,26. - 14
ebd., 5,27. - 15 ebd. - 16 Katechismus der Katholischen Kirche, 1446. - 17 ebd.
- 18 J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr. 238.
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