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JAHRESKREIS
33. WOCHE - SAMSTAG
36
DIE
KEUSCHHEIT LIEBEN
Die
Geschlechtskraft, »ein überragendes Gut«
»Keuschheit in jedem Lebensstand.
Zeugnis durch Beispiel.
I. Die
Sadduzäer leugneten die Unsterblichkeit der Seele und die Auferstehung der
Toten. Sie kamen zu Jesus, um ihm eine Fangfrage zu stellen, deren unsinnige
Folgerungen, wie sie meinten, ihre eigene Überzeugung bestätigen würden.1
Nach
jüdischem Gesetz2
muß der Bruder eines ohne Nachkommenschaft gestorbenen Mannes unter gewissen
Voraussetzungen die Witwe heiraten, um dem Verstorbenen Nachkommenschaft zu
sichern und den Namen der Familie nicht aussterben zu lassen. Wie ist es dann,
so fragen die Sadduzäer, im Falle der sieben Brüder, die der Reihe nach die Frau
heirateten, doch ohne Nachkommenschaft blieben?
Wessen Frau wird sie nun bei der
Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur Frau gehabt.
In seiner
Antwort verweist der Herr auf die Andersartigkeit des ewigen Lebens, das keine
bloße Fortsetzung irdischer Zustände ist. Der Auferstehungsleib besitzt eine
andere Qualität: sie
werden dann nicht mehr heiraten, (...) weil sie den Engeln gleich und durch die
Auferstehung Söhne Gottes geworden sind. »Dieser Zustand, der sich
- ganz offenkundig - wesentlich und nicht nur graduell von dem unterscheidet,
was wir im irdischen Leben erfahren, bedeutet jedoch kein Fleischloswerden des
Leibes noch - in der Folge - eine Entmenschlichung des Menschen. Er bedeutet, im
Gegenteil, seine vollkommene Verwirklichung. Denn in dem leib-geistigen Wesen,
das der Mensch ist, kann die Vollkommenheit nicht im Widerstreit von Geist und
Leib bestehen, sondern in einer tiefen Harmonie zwischen beiden unter gewahrtem
Vorrang des Geistes. In der anderen Welt wird dieser Vorrang ganz spontan und
frei von jedem Widerstreit des Leibes hervortreten.«3
Diese
Worte erhellen die gegenwärtige Verfaßtheit des Menschen. Gott hat ihn mit dem
Geschlechtstrieb ausgestattet, um neuen Geschöpfen das irdische Leben zu
schenken. Aber der Mensch erfährt auch - vielleicht intensiver als auf anderen
Gebieten - einen inneren Widerstreit, der erst im Himmel ganz überwunden sein
wird. Als instinktoffenes Wesen muß der Mensch hier auf Erden einen asketischen
Kampf zur Integrierung des Geschlechtstriebes führen.
Trotz
dieses Widerstreits ist »der innewohnende Sinn der Geschlechtskraft, daß auch in
Zukunft Menschenkinder die Erde und das Reich Gottes bewohnen, (...) nicht bloß
ein Gut, sondern, wie Thomas sagt, ein >überragendes Gut<.«4
Die Tugend der Keuschheit stellt den sexuellen Trieb, der auf die Fortpflanzung
und auf die eheliche Vereinigung zielt, unter die Herrschaft der Vernunft in der
gottgewollten Ordnung der Schöpfung. »>Je
notwendiger etwas ist, um so mehr muß darin die Ordnung der Vernunft gewahrt
werden.< Gerade weil die Geschlechtskraft ein so hohes und notwendiges Gut ist,
darum bedarf sie der wahrenden und wehrenden Ordnung der Vernunft. Nichts
anderes aber macht das Wesen der Keuschheit als eine Tugend aus als dies: daß
sie im Bereich der Geschlechtskraft die Ordnung der Vernunft, den
ordo rationis,
verwirklicht. (...)
Ratio ist nicht die auf
den Bereich des natürlicherweise Erkennbaren eigenmächtig sich einschränkende
>Vernunft<.
Ratio meint hier - ganz allgemein - die Kraft des Menschen,
Wirklichkeit zu fassen. Wirklichkeit aber faßt der Mensch nicht nur im
natürlichen Erkennen, sondern auch - ja, eine höhere Wirklichkeit und auf höhere
Weise - im Glauben an die Offenbarung Gottes.«5
Die
Tugend der Keuschheit erfordert Reinheit im Denken und Fühlen: solche Gedanken,
Wünsche und Empfindungen nämlich zu meiden, die von Gott trennen, weil sie der
gottgewollten Berufung widersprechen. Sonst überläßt man sich dem Diktat der
Sinne und der Tyrannei der Triebe und verliert dabei seine Würde: »Indes der
Geist in beängstigendem Tempo schrumpft und immer weniger wird, bis er
schließlich ganz minimal zu sein scheint, gewinnt der Körper ständig an
Bedeutung, tritt unverhältnismäßig stark in den Vordergrund und beherrscht am
Ende alles.«6
Deshalb sieht Thomas von Aquin die Unkeuschheit als eine Verderbnis der
Klugheit, eine Blindheit des Geistes und eine Aufspaltung der
Entscheidungskraft.7 Vor allem aber: Sie macht unfähig zur Freundschaft mit
Gott.
II. Da
die Liebe alle Tugenden grundiert, ist die Keuschheit kein bloßer Verzicht:
»nicht hinschauen« »nicht tun« »nicht wünschen«.. Sie ist »eine Folge der Liebe,
in der wir dem Herrn Seele und Leib, Geist und Sinne geschenkt haben. Sie ist
nicht Verneinung, sondern freudige Bejahung.«8
Die
Integrierung der Geschlechtlichkeit in die Person und die innere Einheit von
leiblichem und geistigem Sein ist in jedem Lebensstand nötig: »Jeder Getaufte
ist zur Keuschheit berufen. Der Christ hat >Christus als Gewand angelegt<(Gal
3,27), ihn, das Vorbild jeglicher Keuschheit. Alle, die an Christus glauben,
sind berufen, ihrem jeweiligen Lebensstand entsprechend ein keusches Leben zu
führen.«9 In der Ehe »ist die Sexualität, in welcher sich Mann und Frau durch
die den Eheleuten eigenen und vorbehaltenen Akte einander schenken, keineswegs
etwas rein Biologisches, sondern betrifft den innersten Kern der menschlichen
Person als solcher. Auf wahrhaft menschliche Weise wird sie nur vollzogen, wenn
sie in jene Liebe integriert ist, mit der Mann und Frau sich bis zum Tod
vorbehaltlos einander verpflichten.«10 Die eheliche Keuschheit fördert die
gegenseitige Hochschätzung und das wachsende Zartgefühl in der gegenseitigen
Liebe und Hingabe. Die leiblichen Beziehungen, ohne aufzuhören, leiblich zu
sein, eignen sich die Würde des Geistes an. Außerdem besitzt der Gedanke, daß
die eheliche Vereinigung auf die Weckung neuen Lebens hinzielt, eine
staunenswerte Kraft der Verwandlung.
Wenn
Paulus schreibt, die Keuschheit sei Frucht des Geistes11,
so heißt dies, daß sie nicht eigenmächtige Leistung, sondern Folge der Liebe zu
Gott ist. Deshalb ist für die Bewahrung der ehelichen Keuschheit nicht nur eine
zartfühlende Liebe gegenüber dem Gatten, sondern vor allem eine große Liebe zu
Gott nötig. Der Christ, der im lebendigen Austausch mit Christus steht, findet
in dieser Liebe einen mächtigen Impuls für seine Keuschheit.
Freilich
ist die Keuschheit nicht die wichtigste Tugend im christlichen Leben, und
natürlich darf es nicht auf sie reduziert werden. Doch ohne sie versiegt die
Liebe - die wichtigste aller Tugenden und deren Inbegriff.
Wer den
Ruf zur Ehe erhält, heiligt sich in der selbstlosen, treuen Erfüllung seiner
ehelichen Aufgaben und Pflichten als Weg seiner Vereinigung mit Gott. Und wer
die Berufung zum apostolischen Zölibat erhalten hat, findet in der Ganzhingabe
an den Herrn und an die Menschen um des Herrn willen,
indiviso corde12,
ohne die Vermittlung der ehelichen Liebe, die Gnade, in tiefer Freundschaft mit
Gott zu leben.
An diesem
Samstag liegt es nahe, einer weitverbreiteten frommen Sitte folgend, auf Maria
zu schauen. Wir nennen sie Jungfrau und Mutter. In ihr vereinen sich in sublimer
Weise die zwei sonst sich ausschließenden Lebensformen der Mutterschaft und der
Jungfräulichkeit. Dadurch macht Gott uns deutlich: »Gnade und Heil kommen nicht
aus der Leistung, aus der Initiative oder aus der Sehnsucht des Menschen,
sondern entspringen allein dem souveränen Willen Gottes. (...) Das Bekenntnis
>geboren aus der Jungfrau< zusammen mit dem >empfangen vom Heiligen Geist< ist
so ein Zeichen für die reine Gnadenhaftigkeit des Heils und für seinen
vollkommenen Geschenkcharakter, demgegenüber der Mensch seine Empfänglichkeit,
seine Offenheit, Hingabe zu bezeigen hat.«13
Diese
Botschaft Gottes von der hohen Würde der Jungfräulichkeit bleibt für alle Zeiten
gültig. Die Ausübung des Geschlechtstriebes gehört nicht wesentlich zur
Vollkommenheit der Person. Das heutige Evangelium verweist darauf, daß Mann und
Frau die Fülle der Selbsthingabe und personaler Kommunion in der Vereinigung für
immer mit Gott finden. Der Ruf zur Enthaltsamkeit
um des Himmelreiches willen
deutet schon auf Erden zeichenhaft auf den endgültigen Zustand künftiger
Auferstehung hin. Jungfräulichkeit und apostolischer Zölibat sind Zeichen der
himmlischen Vollendung, zu der jeder berufen ist. »Auf diesem Hintergrund will
die christliche Lehre über die Sexualität gesehen werden. Unser Glaube verkennt
nicht das Schöne, Erhabene und echt Menschliche hier auf Erden.«14
Jeder hat auf Erden seine Aufgabe und seinen Weg und findet darin Opfer und
Freude.
III. Die Keuschheit innerhalb der je
eigenen Berufung - in Ehe oder Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen - ist
ein großer Schatz der Kirche vor der Welt, denn sie zeugt vom Reichtum einer
Liebe, die in Gott gründet und an Christus Maß nimmt: »Beide Berufungen, die
eheliche wie die zölibatäre, leben grundsätzlich von der Bevorzugung und nicht
vom Verzicht. Frau oder Mann verzichten bei der Eheschließung nicht auf alle
anderen möglichen Partner, die es ja für sie auch noch geben könnte, sondern sie
ziehen den erwählten Partner allen anderen möglichen Partnern vor. Die Ehe ist
also in erster Linie eine Bevorzugung und dann in zweiter Linie erst ein
Verzicht auf die anderen möglichen Partner.
Das
gleiche gilt für die zölibatäre Lebensform. Wer als Eheloser in der Nachfolge
Christi berufen ist, zieht die direkte Partnerschaft mit Gott allen anderen
menschlichen Partnerschaften vor. Das heißt, der Zölibat ist zuerst immer eine
Bevorzugung und dann erst - wie die Ehe - in zweiter Linie ein Verzicht. Wäre
Ehe oder Zölibat nur Verzicht, dann könnten sie nicht menschlich gelebt werden.«15
Die
Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen sucht die Ähnlichkeit mit Christus, der
beim Werk der Erlösung diese Lebensform hat leben wollen. Jesus brach mit der
jüdischen Tradition, die nur in Nachkommen einen Segen sah, und weitete den
Blick für die Endgültigkeit des Himmels durch sein Kommen in der
Fülle der Zeit16.
Die ersten Christen erfaßten dann immer deutlicher die Ehelosigkeit um Christi
und des Himmelreiches willen als Segen für die ganze Kirche und für die Welt.
Eine solche Einstellung war in einem heidnischen Milieu anstößig. Heute ist es
nicht anders. »In einer Welt, in der Gott kaum noch anwesend erscheint, versteht
man sehr schwer die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen. Die Erfahrung der
Heiligen, daß Gott allein genügt, wirkt heute eher fremd. Deshalb ist eine
solche Lebensform für die Kirche unverzichtbar.«17
Ein
besonders wichtiger Aspekt unseres apostolischen Zeugnisses besteht darin, die
Keuschheit und die sie begleitenden Tugenden durch das eigene, natürliche
Beispiel attraktiv zu machen. Schamhaftigkeit, etwa in der Kleidung oder beim
Sport, ist dabei ebenso wichtig wie die Weigerung, bei Dingen mitzumachen, die
eines Christen unwürdig sind: seichte Gespräche unter Kollegen, frivole Filme
oder Fernsehsendungen, schamlose Magazine oder leichtfertige Darbietungen.
Wir
wissen, daß wir niemals über unsere Kräfte versucht werden18,
wenn wir dem Rat der Kirche folgen: »Zucht der Sinne und des Geistes,
Wachsamkeit und Klugheit, um die Gelegenheit zur Sünde zu vermeiden, Wahrung des
Schamgefühls, Maß im Genuß, gesunde Ablenkungen, eifriges Gebet und häufiger
Empfang der Sakramente der Buße und der Eucharistie. Vor allem die Jugend soll
die Verehrung der unbefleckt empfangenen Gottesmutter eifrig pflegen.«19
Maria,
Mater pulchrae
dilectionis, die Mutter der schönen Liebe, möge uns helfen, auf
dem Weg der uns eigenen Berufung in der Liebe zu Gott zu wachsen.
1
Lk
20,27-40. -
2 vgl.
Dtn
25,5-10. -
3 Johannes Paul II.,
Ansprache, 9.12.1981. -
4 J.Pieper,
Zucht
und Maß, München 1964, S.27. -
5 ebd., S.29-31. -
6
J.Escrivá,
Die Spur des Sämanns,
Nr.841. -
7 vgl. Pieper, a.a.O.,
S.39. -
8 J.Escrivá,
Christus begegnen, 5. -
9
Katechismus der Katholischen Kirche, 2348. -
10
Johannes Paul II., Apost. Schreiben
Familiaris consortio,
22.11.1981, 11. -
11 vgl.
Gal
5,23. -
12 vgl.
1 Kor
7,33. -
13 L.Scheffczyk,
Das
biblische Zeugnis von Maria, Wien 1979, S.20. -
14
J.Escrivá,
Christus begegnen, 24.
- 15
J.Kard.Meisner,
Fastenhirtenbrief 1992.
- 16
Gal
4,4. -
17 J.Kard.Meisner,
a.a.O. -
18 vgl.
1 Kor
10,13. -
19 Kongregation für die
Glaubenslehre,
Erklärung zu einigen Fragen der
Sexualethik, 29.12.1975, 12.
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