Francisco F. Carvajal's Webseite


Sonntag, den 5. September 2010 


Meditationen für jeden Tag
Drucken - Massenmesswerte

Jahreskreis
23. Woche - Montag

40

Strecke deine Hand aus

Der erfolgreiche Versuch eines Resignierten.
Gelebte Askese.
Natürliche Tugenden.

I. Jesus betrat eine Synagoge und begegnete dort einem Menschen, dessen Hand verdorrt war1. Kein bittendes Wort, kein Versuch des Kranken, sich Jesus zu nähern. Hatte er schon resigniert? Sich mit seinem Zustand abgefunden? Die kritischen Blicke der Gegner gelten Jesu Verhalten. Sie wittern die Chance, den Herrn doch noch zu Fall zu bringen. Jesus forderte den Mann mit der verdorrten Hand auf: Steh auf und stell dich in die Mitte! Dann wendet er sich an seine Gegner: Was ist am Sabbat erlaubt: Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu vernichten? »Heilung am Sabbat war nur bei Lebensgefahr gestattet. (...) Wie spielend und schlagend hat er immer eine Antwort gewußt, sofort, auf ihre Fragen. Jetzt stellt er die Frage, und schon sind sie in der Enge. Absichtlich hat er die Lage so gestaltet, daß sie sehen, wohin ihre Gesetzesauffassung führt. Ihre Sabbatheiligung hindert das Gute und führt letztlich zum Verderben des Menschen. Zumindest mordet sie die Seele.«2

Es heißt dann, Jesus sah sie der Reihe nach an, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz, und sagte zu dem Mann: Streck deine Hand aus! Dieser muß ein großes Zutrauen zu Jesus gefaßt haben. Wie oft mag er genau das schon versucht haben. Aber jedes Mal vergeblich, und eines Tages hat er es dann ganz aufgegeben. Jetzt regt sich wieder Hoffnung, der Mann gehorcht aufs Wort. Er streckte sie aus, und seine Hand war wieder gesund.

War das Glaube? Natürlich nicht der übernatürliche Glaube an den Gottessohn, aber doch Glaube in dem Sinne, daß der Kranke sich ganz auf Jesus verläßt. Welche Ermutigung: Im Vertrauen auf Jesus lassen sich viele Knoten lösen, im geistlichen Leben wie bei unseren apostolischen Aufgaben. Der Herr »hat uns tausendfach die Verheißung gegeben, daß wir das ersehnte Gut leicht erlangen können, wenn wir nur die Mittel gebrauchen, die er uns zur Erreichung dieses Zieles bereitgestellt hat.«3

Diese beglückende Erfahrung muß den Kranken beflügelt haben. Vielleicht mischte sich in die Freude Erschrecken bei dem Gedanken, er hätte Jesus nicht vertraut. Läßt sich diese Situation nicht auf unser Leben übertragen? Auf unser vielleicht vergebliches Bemühen, eine gute Eigenschaft zu festigen, eine ungute Angewohnheit loszuwerden? Vielleicht haben wir entmutigt bald resigniert. Der Kranke wurde dank der göttlichen Kraft des Wortes Christi geheilt, aber auch, weil er auf die Aufforderung Christi einging, die Hand auszustrecken.

Die Pharisäer konnten sich mit dem Geheilten nicht freuen; stattdessen gingen sie hinaus und faßten zusammen mit den Anhängern des Herodes den Beschluß, Jesus umzubringen. Ihre Entschlossenheit beleuchtet nachträglich, weshalb der Herr sie vorher voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz angesehen hatte. »Das griechische Wort (von poros, der Tufstein, gebildet) spricht noch furchtbarer von einer >Versteinerung< der Herzen. (...) Alles wird zum fürchterlichen Symbol. Daß der Eifer für das Gesetz den Menschen so verblenden und verhärten kann, daß er das Gute nicht mehr anerkennen will, wo es ihm andersgeartet entgegentritt, ist schon Tragik sondergleichen. Aber noch furchtbarer wird alles, wenn sie vollends kalt und ohne Bedenken den Tod dessen beschließen, der nur die Liebe kennt. Ein Warnungssignal voll trauriger Deutlichkeit ist dies für die menschliche Beschränktheit und Enge, die gerade im Eifer für das Gesetz Gottes das wahrhaft Gute zertreten kann.«4

II. Streck deine Hand aus! Der Herr verlangt vom Kranken eine Anstrengung, die er von sich aus gar nicht schaffen konnte. Augustinus schreibt im Hinblick auf das Wort der Heiligen Schrift: Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt (Phil 4,13): »So mach mich stark, daß ich es vermöge, gib, was du forderst, und dann fordere, was du willst.«5 Dies muß unsere innere Einstellung sein, wenn wir meinen, Gott gebiete uns Dinge, die uns überfordern. »Zuerst müssen wir uns selber geben, um dann Gottes Gabe zu empfangen. Am Ende kommt alles von Gott. Und doch kann Gottes Gabe uns nicht erreichen, wenn wir nicht zuerst selber Gebende geworden sind. Am Ende ist alles Gnade - denn die großen Dinge der Welt, das Leben, die Liebe, Gott - die kann man nicht machen, nur geschenkt bekommen. Und doch können wir nur dann beschenkt werden, wenn wir selbst Schenkende sind. Nur indem wir schenken, werden wir beschenkt; nur indem wir folgen, werden wir frei; nur indem wir opfern, empfangen wir, was wir durch nichts verdienen können.«6 So durchdringt der Glaube die großen und kleinen Entscheidungen unseres Lebens. So ist das Credo nicht nur Wissen, sondern Bekenntnis. So ist das konkrete Leben wirklich Entfaltung des Glaubens.

Eine solche Sicht gilt nicht nur in extremen Lebenssituationen wie einer schweren Krankheit, sie gilt immer, auch im ganz prosaischen Alltag. Lassen wir zu, daß der Glaube uns ganz berührt, bis in unsere natürlichen Haltungen hinein. Deshalb ermahnt der heilige Paulus die Christen in Philippi, das Bemühen um das Natürlich-Gute zu beherzigen: Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht!7 Es geht darum, in den vielen kleinen Anstrengungen gleichsam die Hand auszustrecken, um sie als kleine Überwindungen Gott darzubringen. Darin verbinden sich Gnade und Natur, übernatürliche und natürliche Tugenden, menschliche Anstrengung und Wirken Gottes. »Wir werden nicht heilig sein, wenn wir uns nicht mit Christus am Kreuz vereinigen: es gibt keine Heiligkeit ohne Kreuz, ohne Abtötung. Am ehesten werden wir diese Abtötung in den normalen täglichen Angelegenheiten finden: in der angespannten Arbeit, die wir ausdauernd und ordentlich tun, weil wir wissen, daß der echte Opfergeist sich in der Beharrlichkeit zeigt, die begonnene Arbeit so vollkommen wie möglich zu vollenden; in der Pünktlichkeit, mit der wir den Tag über die >heroischen Minuten< meistern; in der Pflege der Gegenstände, die wir besitzen und benutzen; in dem Eifer zu dienen, der uns die kleinsten Pflichten mit Gewissenhaftigkeit erfüllen läßt; und in den winzigen Liebeserweisen, mit denen wir den Weg der Heiligkeit in der Welt für alle liebenswert machen; ein Lächeln kann manchmal der schönste Beweis unseres Bußgeistes sein.«8

Diese innere Einstellung gilt nicht nur für schwierige Situationen. Auch das Schöne läßt sich noch tiefer, reiner und beglückender sehen, wenn wir die Spuren Gottes darin gewahren. Durch ein blühendes Mohnfeld zu spazieren oder durch einen herbstlichen Wald kann zu einem dankbaren Stoßgebet oder zu einem Te Deum Anlaß sein. So gewinnen selbst die ganz profanen Situationen eine Dimension des Glaubens, des Dankes und der Liebe.

Glaube, Hoffnung und Liebe sind Gnadengeschenke Gottes. Das Strecke deine Hand aus! ist eine Aufforderung des Herrn an uns, beständig diese Tugenden zu üben. Immer wieder sagt uns der Herr: versuche es von neuem, mach weiter, praktiziere den Glauben nicht nur am Sonntag oder in extremen Situationen, sondern immer. Er ist kein abstraktes Ideal, laß ihn alles, was du tust, durchdringen und beseelen. Dann erhält auch das scheinbar Sinnlose und Banale einen Sinn: Es füllt sich mit der Größe Gottes an.

III. Immer wieder die Hand ausstrecken, damit das Verdorrte aufs neue die Spannkraft des Glaubens erhält - ist das im Grunde nicht das geistliche Leben? »Erschließt sich unser Geist dem Hauch der Gnade, stimmt er ihrem Wirken zu und arbeitet er auch nur ein wenig mit, so wird Gott uns stärken, uns führen und geleiten von Liebe zu Liebe, bis zu jenem lebendigen Glauben, der für unsere Umgestaltung notwendig ist.«9 Bitten wir für alle, denen das geistliche Leben zu einer leidigen Angelegenheit, zu einer faden Pflichtenlehre geworden ist, frustrierend und beschwerlich, um die belebende Erfahrung der ausgestreckten und geheilten Hand.

Auch wenn es Begebenheiten und Gestalten gibt, die vom wahrlich überwältigenden Wirken der Gnade zeugen, baut doch normalerweise die Gnade auf der Natur auf.

Deshalb gehört zum Kampf im geistlichen Leben Beständigkeit. Ebenso gehört die Fähigkeit dazu, Unbill und Widrigkeiten gelassen zu ertragen. Wie kann einer im Glauben stark sein, wenn er es nicht fertigbringt, eine kleine Kränkung gefaßt hinzunehmen? Oder wie kann man den Nächsten lieben, wenn man die Regeln der Höflichkeit nicht beherzigt?

Die natürlichen Tugenden sind die Voraussetzung für ein glaubwürdiges Zeugnis. Papst Paul VI. hat es auf eine einprägsame Formel gebracht: »Der heutige Mensch hört lieber auf Zeugen als auf Gelehrte, und wenn er auf Gelehrte hört, dann deshalb, weil sie Zeugen sind.«10

Unsere Zeit braucht Zeugen, die - mit Worten Papst Johannes Pauls II. - »Experten im Umgang mit den Menschen sind, die das Herz des heutigen Menschen gründlich kennen, seine Freuden und Hoffnungen, Ängste und Sorgen teilen und zugleich beschauliche Freunde Gottes sein wollen. Dazu bedarf es neuer Heiliger. Die großen Evangelisatoren Europas waren die Heiligen. Wir müssen den Herrn bitten, daß er den Geist der Heiligkeit in der Kirche vermehre und uns neue Heilige sende, um die Welt von heute zu evangelisieren.«11

Maria ist das Urbild aller heilsempfangenden, die Hand ausstreckenden Menschen. »Wenn du drohst von abgrundtiefer Traurigkeit und Verzweiflung verschlungen zu werden - denk an Maria! In Gefahren, in Ängsten, in Zweifeln - denk an Maria, ruf zu Maria! Ihr Name weiche nicht aus deinem Munde, weiche nicht aus deinem Herzen! Damit du aber ihre Hilfe und Fürbitte erlangst, vergiß nicht das Vorbild ihres Wandels! Folge ihr, und du wirst nicht vom Wege weichen. Bitte sie, und niemals bist du hoffnungslos. Denk an sie, dann irrst du nicht. Hält sie dich fest, wirst du nicht fallen. Schützt sie dich, dann fürchte nichts. Führt sie dich, wirst du nicht müde. Ist sie dir gnädig, dann kommst du ans Ziel.«12

1 Mk 3,1-6. - 2 J. Dillersberger, Markus, Bd.1, Salzburg 1937, S.148. - 3 Franz von Sales, Über die Gottesliebe, Zürich 1978, S.79. - 4 J. Dillersberger, a.a.O., S.149-150. - 5 Augustinus, Bekenntnisse, 10,31. - 6 J. Ratzinger, Diener eurer Freude, Freiburg 1989, S.55. - 7 Phil 4,8. - 8 J. Escrivá, Brief, 24.3.1930. - 9 Franz von Sales, Über die Gottesliebe, Einsiedeln 1985, S.72. - 10 Paul VI, Ansprache, 2.10.1974. - 11 Johannes Paul II., Ansprache an das Symposium europäischer Bischöfe, 11.10.1985. - 12 Bernhard von Clairvaux, Homilie über die Jungfrau Maria, 2,17.



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