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Jahreskreis
23. Woche - Montag
40
Strecke
deine Hand aus
Der
erfolgreiche Versuch eines Resignierten.
Gelebte Askese.
Natürliche Tugenden.
I. Jesus
betrat eine Synagoge und begegnete dort einem Menschen,
dessen Hand verdorrt war1.
Kein bittendes Wort, kein Versuch des Kranken, sich Jesus zu nähern. Hatte er
schon resigniert? Sich mit seinem Zustand abgefunden? Die kritischen Blicke der
Gegner gelten Jesu Verhalten. Sie wittern die Chance, den Herrn doch noch zu
Fall zu bringen. Jesus forderte den Mann mit der verdorrten Hand auf:
Steh auf und
stell dich in die Mitte! Dann wendet er sich an seine Gegner:
Was ist am
Sabbat erlaubt: Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu
vernichten? »Heilung am Sabbat war nur bei Lebensgefahr gestattet.
(...) Wie spielend und schlagend hat er immer eine Antwort gewußt, sofort, auf
ihre Fragen. Jetzt stellt er die Frage, und schon sind sie in der Enge.
Absichtlich hat er die Lage so gestaltet, daß sie sehen, wohin ihre
Gesetzesauffassung führt. Ihre Sabbatheiligung hindert das Gute und führt
letztlich zum Verderben des Menschen. Zumindest mordet sie die Seele.«2
Es heißt
dann, Jesus sah
sie der Reihe nach an, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz, und sagte
zu dem Mann: Streck deine Hand aus! Dieser muß ein großes Zutrauen
zu Jesus gefaßt haben. Wie oft mag er genau das schon versucht haben. Aber jedes
Mal vergeblich, und eines Tages hat er es dann ganz aufgegeben. Jetzt regt sich
wieder Hoffnung, der Mann gehorcht aufs Wort.
Er streckte sie aus, und seine Hand
war wieder gesund.
War das
Glaube? Natürlich nicht der übernatürliche Glaube an den Gottessohn, aber doch
Glaube in dem Sinne, daß der Kranke sich ganz auf Jesus verläßt. Welche
Ermutigung: Im Vertrauen auf Jesus lassen sich viele Knoten lösen, im
geistlichen Leben wie bei unseren apostolischen Aufgaben. Der Herr »hat uns
tausendfach die Verheißung gegeben, daß wir das ersehnte Gut leicht erlangen
können, wenn wir nur die Mittel gebrauchen, die er uns zur Erreichung dieses
Zieles bereitgestellt hat.«3
Diese beglückende Erfahrung muß den
Kranken beflügelt haben. Vielleicht mischte sich in die Freude Erschrecken bei
dem Gedanken, er hätte Jesus nicht vertraut. Läßt sich diese Situation nicht auf
unser Leben übertragen? Auf unser vielleicht vergebliches Bemühen, eine gute
Eigenschaft zu festigen, eine ungute Angewohnheit loszuwerden? Vielleicht haben
wir entmutigt bald resigniert. Der Kranke wurde dank der göttlichen Kraft des
Wortes Christi geheilt, aber auch, weil er auf die Aufforderung Christi einging,
die Hand auszustrecken.
Die
Pharisäer konnten sich mit dem Geheilten nicht freuen; stattdessen
gingen sie
hinaus und faßten zusammen mit den Anhängern des Herodes den Beschluß, Jesus
umzubringen. Ihre Entschlossenheit beleuchtet nachträglich,
weshalb der Herr sie vorher
voll Zorn und Trauer über ihr
verstocktes Herz angesehen hatte. »Das griechische Wort (von
poros, der Tufstein,
gebildet) spricht noch furchtbarer von einer >Versteinerung< der Herzen. (...)
Alles wird zum fürchterlichen Symbol. Daß der Eifer für das Gesetz den Menschen
so verblenden und verhärten kann, daß er das Gute nicht mehr anerkennen will, wo
es ihm andersgeartet entgegentritt, ist schon Tragik sondergleichen. Aber noch
furchtbarer wird alles, wenn sie vollends kalt und ohne Bedenken den Tod dessen
beschließen, der nur die Liebe kennt. Ein Warnungssignal voll trauriger
Deutlichkeit ist dies für die menschliche Beschränktheit und Enge, die gerade im
Eifer für das Gesetz Gottes das wahrhaft Gute zertreten kann.«4
II.
Streck deine
Hand aus! Der Herr verlangt vom Kranken eine Anstrengung, die er
von sich aus gar nicht schaffen konnte. Augustinus schreibt im Hinblick auf das
Wort der Heiligen Schrift:
Alles vermag ich durch ihn, der mir
Kraft gibt (Phil
4,13): »So mach mich stark, daß ich es vermöge, gib, was du forderst, und dann
fordere, was du willst.«5 Dies muß unsere innere Einstellung sein, wenn wir
meinen, Gott gebiete uns Dinge, die uns überfordern. »Zuerst müssen wir uns
selber geben, um dann Gottes Gabe zu empfangen. Am Ende kommt alles von Gott.
Und doch kann Gottes Gabe uns nicht erreichen, wenn wir nicht zuerst selber
Gebende geworden sind. Am Ende ist alles Gnade - denn die großen Dinge der Welt,
das Leben, die Liebe, Gott - die kann man nicht machen, nur geschenkt bekommen.
Und doch können wir nur dann beschenkt werden, wenn wir selbst Schenkende sind.
Nur indem wir schenken, werden wir beschenkt; nur indem wir folgen, werden wir
frei; nur indem wir opfern, empfangen wir, was wir durch nichts verdienen
können.«6 So durchdringt der Glaube die großen und kleinen Entscheidungen
unseres Lebens. So ist das Credo nicht nur Wissen, sondern Bekenntnis. So ist
das konkrete Leben wirklich Entfaltung des Glaubens.
Eine
solche Sicht gilt nicht nur in extremen Lebenssituationen wie einer schweren
Krankheit, sie gilt immer, auch im ganz prosaischen Alltag. Lassen wir zu, daß
der Glaube uns
ganz berührt, bis in unsere natürlichen Haltungen hinein. Deshalb
ermahnt der heilige Paulus die Christen in Philippi, das Bemühen um das
Natürlich-Gute zu beherzigen:
Was immer wahrhaft, edel, recht, was
lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist,
darauf seid bedacht!7
Es geht darum, in den vielen kleinen Anstrengungen gleichsam die Hand
auszustrecken, um sie als kleine Überwindungen Gott darzubringen. Darin
verbinden sich Gnade und Natur, übernatürliche und natürliche Tugenden,
menschliche Anstrengung und Wirken Gottes. »Wir werden nicht heilig sein, wenn
wir uns nicht mit Christus am Kreuz vereinigen: es gibt keine Heiligkeit ohne
Kreuz, ohne Abtötung. Am ehesten werden wir diese Abtötung in den normalen
täglichen Angelegenheiten finden: in der angespannten Arbeit, die wir ausdauernd
und ordentlich tun, weil wir wissen, daß der echte Opfergeist sich in der
Beharrlichkeit zeigt, die begonnene Arbeit so vollkommen wie möglich zu
vollenden; in der Pünktlichkeit, mit der wir den Tag über die >heroischen
Minuten< meistern; in der Pflege der Gegenstände, die wir besitzen und benutzen;
in dem Eifer zu dienen, der uns die kleinsten Pflichten mit Gewissenhaftigkeit
erfüllen läßt; und in den winzigen Liebeserweisen, mit denen wir den Weg der
Heiligkeit in der Welt für alle liebenswert machen; ein Lächeln kann manchmal
der schönste Beweis unseres Bußgeistes sein.«8
Diese
innere Einstellung gilt nicht nur für schwierige Situationen. Auch das Schöne
läßt sich noch tiefer, reiner und beglückender sehen, wenn wir die Spuren Gottes
darin gewahren. Durch ein blühendes Mohnfeld zu spazieren oder durch einen
herbstlichen Wald kann zu einem dankbaren Stoßgebet oder zu einem
Te Deum
Anlaß sein. So gewinnen selbst die ganz profanen Situationen eine Dimension des
Glaubens, des Dankes und der Liebe.
Glaube,
Hoffnung und Liebe sind Gnadengeschenke Gottes. Das
Strecke deine Hand aus!
ist eine Aufforderung des Herrn an uns, beständig diese Tugenden zu üben. Immer
wieder sagt uns der Herr: versuche es von neuem, mach weiter, praktiziere den
Glauben nicht nur am Sonntag oder in extremen Situationen, sondern immer. Er ist
kein abstraktes Ideal, laß ihn alles, was du tust, durchdringen und beseelen.
Dann erhält auch das scheinbar Sinnlose und Banale einen Sinn: Es füllt sich mit
der Größe Gottes an.
III.
Immer wieder die
Hand ausstrecken, damit das Verdorrte aufs neue die Spannkraft des
Glaubens erhält - ist das im Grunde nicht das geistliche Leben? »Erschließt sich
unser Geist dem Hauch der Gnade, stimmt er ihrem Wirken zu und arbeitet er auch
nur ein wenig mit, so wird Gott uns stärken, uns führen und geleiten von Liebe
zu Liebe, bis zu jenem lebendigen Glauben, der für unsere Umgestaltung notwendig
ist.«9 Bitten wir für alle, denen das geistliche Leben zu einer leidigen
Angelegenheit, zu einer faden Pflichtenlehre geworden ist, frustrierend und
beschwerlich, um die belebende Erfahrung der ausgestreckten und geheilten Hand.
Auch wenn
es Begebenheiten und Gestalten gibt, die vom wahrlich überwältigenden Wirken der
Gnade zeugen, baut doch normalerweise die Gnade auf der Natur auf.
Deshalb gehört zum Kampf im geistlichen
Leben Beständigkeit. Ebenso gehört die Fähigkeit dazu, Unbill und Widrigkeiten
gelassen zu ertragen. Wie kann einer im Glauben stark sein, wenn er es nicht
fertigbringt, eine kleine Kränkung gefaßt hinzunehmen? Oder wie kann man den
Nächsten lieben, wenn man die Regeln der Höflichkeit nicht beherzigt?
Die
natürlichen Tugenden sind die Voraussetzung für ein glaubwürdiges Zeugnis. Papst
Paul VI. hat es auf eine einprägsame Formel gebracht: »Der heutige Mensch hört
lieber auf Zeugen als auf Gelehrte, und wenn er auf Gelehrte hört, dann deshalb,
weil sie Zeugen sind.«10
Unsere
Zeit braucht Zeugen, die - mit Worten Papst Johannes Pauls II. - »Experten im
Umgang mit den Menschen sind, die das Herz des heutigen Menschen gründlich
kennen, seine Freuden und Hoffnungen, Ängste und Sorgen teilen und zugleich
beschauliche Freunde Gottes sein wollen. Dazu bedarf es neuer Heiliger. Die
großen Evangelisatoren Europas waren die Heiligen. Wir müssen den Herrn bitten,
daß er den Geist der Heiligkeit in der Kirche vermehre und uns neue Heilige
sende, um die Welt von heute zu evangelisieren.«11
Maria ist
das Urbild aller heilsempfangenden,
die Hand ausstreckenden
Menschen. »Wenn du drohst von abgrundtiefer Traurigkeit und Verzweiflung
verschlungen zu werden - denk an Maria! In Gefahren, in Ängsten, in Zweifeln -
denk an Maria, ruf zu Maria! Ihr Name weiche nicht aus deinem Munde, weiche
nicht aus deinem Herzen! Damit du aber ihre Hilfe und Fürbitte erlangst, vergiß
nicht das Vorbild ihres Wandels! Folge ihr, und du wirst nicht vom Wege weichen.
Bitte sie, und niemals bist du hoffnungslos. Denk an sie, dann irrst du nicht.
Hält sie dich fest, wirst du nicht fallen. Schützt sie dich, dann fürchte
nichts. Führt sie dich, wirst du nicht müde. Ist sie dir gnädig, dann kommst du
ans Ziel.«12
1
Mk
3,1-6. -
2
J. Dillersberger,
Markus,
Bd.1, Salzburg 1937, S.148. -
3
Franz von Sales,
Über die
Gottesliebe,
Zürich 1978, S.79. -
4
J. Dillersberger, a.a.O., S.149-150. -
5
Augustinus,
Bekenntnisse,
10,31. -
6
J. Ratzinger,
Diener
eurer Freude,
Freiburg 1989, S.55. -
7
Phil
4,8. -
8
J. Escrivá,
Brief,
24.3.1930. -
9
Franz von Sales,
Über die
Gottesliebe,
Einsiedeln 1985, S.72. -
10
Paul VI,
Ansprache,
2.10.1974. -
11
Johannes Paul II.,
Ansprache
an das Symposium europäischer Bischöfe,
11.10.1985. -
12
Bernhard von Clairvaux,
Homilie
über die Jungfrau Maria,
2,17.
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